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Brief des Vorsitzenden aus GMit 23 PDF Print E-mail

GMIT 23, März 2006
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Seite des Vorsitzenden

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

damit die Geowissenschaften auch in der Zukunft gleichberechtigt mit den übrigen naturwissenschaftlichen Fächern in Lehre und Forschung an den Universitäten vertreten sind, ist eine Schwerpunkt- und Profilbildung in Lehre und Forschung an den einzelnen Standorten notwendig. Anzustreben ist natürlich eine breite, fachlich differenzierte Ausbildung, einige Standorte werden jedoch „nur“ Grundlagen oder Ergänzungen zu „Geo-nahen“ Studiengängen liefern können.

Um möglichst viele Partnerschaften zu bilden, sollte das Lehr- und Forschungsfeld Geowissenschaften bei der Schwerpunkt- und Profilbildung weit gefasst werden. Neben den „klassischen“ geowissenschaftlichen Fächern Geologie/Paläontologie, Mineralogie und Geophysik gibt es viele Beziehungspunkte zu anderen Disziplinen wie Physische Geographie, Meteorologie, Ozeanographie, Ur- und Frühgeschichte etc. Mit diesen Disziplinen müssen sich die Geowissenschaften in Forschung und Lehre eng verzahnen und mit ihnen verbünden. Sie müssen mit den anderen Wissenschaften so eng kooperieren, dass sie für die Partner und damit auch für die Universität als gesamte Einrichtung unverzichtbar werden.

Geowissenschaftler sind es gewohnt, interdisziplinär zu arbeiten; die Komplexität des Systems Erde erfordert eine über die Grenzen der Geowissenschaft hinausgehende Kooperation mit anderen Fachdisziplinen. Aufgrund des breiten naturwissenschaftlichen Studiums und der Erfahrung bei der Bearbeitung komplexer Zusammenhänge ist der Geowissenschaftler besonders geeignet, interdisziplinäre Teams zu führen und als „Moderator“ zwischen weit auseinander liegenden Disziplinen zu wirken. Gerade bei geowissenschaftlichen und umweltbezogenen Themen biete sich die enge Kooperation mit Ingenieuren, Mathematikern, Umweltrechtlern, Biologen, Kulturwissenschaftlern usw. an.

Schwerpunkt- und Profilbildung kann an den einzelnen Standorten unterschiedliche Ansätze haben: regionale, traditionelle, forschungspolitische. Bestimmend dafür sind natürlich auch die bestehende Personalausstattung und die bisher bestehende Ausrichtung der einzelnen Fachgebiete sowie die Ausstattung mit Großgeräten. An vielen Universitäten lässt sich jedoch durch die Neubesetzung von Stellen in den nächsten Jahren das bisherige Profil verändern. Tatsache ist, dass man nicht überall die gesamte Breite anbieten kann. In Zukunft wird es mehr als bisher darauf ankommen, bereits erfolgreiche Forschungsrichtungen auszubauen, um die kritische Masse sowohl beim Personal als auch bei Sachmitteln für Spitzenforschung in diesem Gebiet zu erreichen. Nur so wird es möglich sein, geowissenschaftliche Standorte zu erhalten und für die Zukunft zu sichern.

Alle Universitäten sollten bei der Profilbildung an eine Internationalisierung ihrer Ausbildung denken, um die Berufsaussichten auf dem internationalen Markt für deutsche Absolventen zu verbessern und um ausländische Studenten anzuziehen. Dazu gehören auch Bachelor- und Masterabschlüsse mit Strukturen, die vergleichbar sind mit den angelsächsischen Abschlüssen und dadurch international leichter anerkannt werden. In der Lehre muss eine ständige Anpassung an neue Berufsfelder stattfinden, weil traditionelle Beschäftigungsfelder unbedeutend werden und sich neue entwickeln.

Einige Male wurde in GMIT bereits die Umwandlung von Diplomstudiengängen in Bachelor/Master-Studiengänge angesprochen, meist mit kritischen und ablehnenden Kommentaren. Ich finde diese Entwicklung gut und sehe darin große Vorteile für die Universitäten. Zum Hintergrund: Am 19. Juni 1999 haben die Bildungsminister von 29 Ländern eine Vereinbarung getroffen, einen gesamteuropäischen Hochschulraum zu schaffen. Die unter dem „Bologna-Prozeß“ bekannte Vereinbarung hat drei Ziele: Erstens sollen europaweit vergleichbare Abschlüsse geschaffen werden, ein erster berufsqualifizierender Abschluss nach drei Jahren (Bachelor/Bakkalaureus), und ein zweiter, wissenschaftlicher Grad nach weiteren zwei Jahren (Master). Zweitens soll die Gleichwertigkeit von Studienleistungen durch ein einheitliches Leistungspunktesystem (Credits) geschaffen werden. Drittens soll die Qualitätssicherung der Hochschulen durch eine Akkreditierung der Studiengänge erfolgen. Die europaweite Einrichtung von Bachelor- und Masterstudiengängen soll es dem Studierenden ermöglichen, sich möglichst frei von nationalen Hindernissen im europäischen Hochschulraum bewegen zu können. Unsere Erfahrung mit dem bei uns vor fünf Jahren eingeführten Bachelor- und Masterstudiengängen bestätigen, dass die Studierenden das Angebot wahrnehmen und Studienaufenthalte im Ausland einplanen. Wichtig ist, dass durch die Anerkennung der Studienleistungen anderer Universitäten das Studium nicht verlängert wird. Nicht begeistert bin ich von der Akkreditierung der Studiengänge. Vor allem ist nicht einzusehen und nachzuvollziehen, dass die Akkreditierung eines Studienganges zwischen 10.000 und 15.000 € kosten muss. Man sollte darüber nachdenken, ob nicht kostengünstiger die Qualitätssicherung der Hochschulausbildung sichergestellt werden könnte. Sorge bereiten müssen natürlich die Sparmaßnahmen an den Universitäten, die auch die Geowissenschaft treffen, wahrscheinlich sogar stärker als große Fächer.

Auch die Geowissenschaften werden in der Zukunft daran gemessen, ob die Student/innen die Regelstudienzeit einhalten. Es liegt natürlich nicht in der Hand der Lehrenden, dass die Studierenden planmäßig die Kurse und Vorlesungen erfolgreich besuchen. Eine zeitlich angemessene Struktur des Studiums, die Unterstützung durch Tutorien und regelmäßige Besprechungen können den Studierenden jedoch helfen, vorgegebene Zeitpläne einzuhalten.

Im Auftrag der GeoUnion Alfred-Wegener-Stiftung haben wir eine Broschüre über die „Geowissenschaften - Erforschung des Systems Erde“ herausgegeben, die in 13 Aufsätzen allgemeinverständlich die Breite der geowissenschaftlichen Inhalte und Aufgaben beschreibt. Kopien können gegen einen Unkostenbeitrag von 1,50 € bei mir bezogen werden ( This e-mail address is being protected from spam bots, you need JavaScript enabled to view it ).

Zum Schluss möchte ich auf die nächste Jahrestagung der GV hinweisen. Sie findet vom 25. - 29. September 2006 in Potsdam statt (siehe: http://www.geo.uni-potsdam.de/GV-2006/).

Mit besten Grüßen, Gerold Wefer

 
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