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Brief der stellvertretenden Vorsitzenden aus GMit 34, Dezember 2008 Seite des Vorsitzenden Eine der angenehmen Nebenerscheinungen der gerade zurückliegenden GV-DGG Tagung in Aachen bestand in der Gelegenheit, in einem informellen Rahmen mit den anwesenden Vertretern der Rohstoffindustrie über Bildungsreform und die Bedürfnisse der Industrie zu sprechen. Auch wenn diese Bedürfnisse keineswegs stellvertretend für alle potentiellen Arbeitgeber künftiger Hochschulabsolventen der Geowissenschaften sind, geben sie doch Anlass für eine Denkpause. Seit der Umsetzung der Bologna-Studienreformen ist viel über Hochschulbildung in Deutschland und Europa geschrieben worden - auch auf diesen Seiten. Die Meinungen darüber gehen z.T. diametral auseinander, je nach Erfahrung und Interessensgebiet der Schreibenden. Und das ist verständlich, denn diese Meinungsvielfalt zeugt von einer dringend benötigten Auseinandersetzung, nicht nur über Inhalt des Geowissenschaftlichen Studiums, sondern über die Universitäten und deren Zukunft im Allgemeinen. Ein Blick in die Zukunft tut Not, denn der Umbruch in der öffentlichen Hochschulbildung findet in Deutschland unter dem Einfluss von mehreren z.T. widerstrebenden Tendenzen statt: Bildungspolitiker rufen nach Exzellenz und einer Elite, und werfen dabei einen neidischen Blick auf die besten Hochschulen vorwiegend in Großbritannien und den Vereinigten Staaten. Gleichzeitig werden die Bildungsetats der Länder eingefroren oder sogar gekürzt. Dies geschieht in einem Ausmaß, das durch die Einführung von Studiengebühren in einigen Ländern bisher auch nicht annähernd kompensiert werden konnte. Mehr noch, durch das föderale System, in dem die Hochschulen und damit die Ausbildung Studierender in der Hoheit der Länder, die Groß- und Ressortforschung aber in der Obhut des Bundes liegen, wird die teilweise Trennung von Forschung und Lehre verstärkt. Gewiss, diese Wissenschaftspolitik hat nur indirekt mit der Debatte um die neuen BSc- und MSc-Abschlüsse zu tun, aber sie beeinflusst sehr wohl die Rahmenbedingungen unter der die Hochschulen reformiert werden. Welche Fähigkeiten sucht die Industrie in unseren Kandidaten(-innen)? Aktuelle Umfragen dazu existieren für den deutschen Arbeitsmarkt in den Geowissenschaften unserem Wissen nach nicht. Und die Bedürfnisse der Industrie zu pauschalisieren würde der Vielfalt ihrer Tätigkeiten nicht Rechnung tragen. Der Markt ist ohnehin längst nicht mehr national; viele unserer Absolventen zieht es ins Ausland. Die Industrievertreter an der Tagung in Aachen haben ihre Vorstellungen etwa so artikuliert: Sie suchen motivierte Personen mit einer umfassenden Geowissenschaftlichen Bildung; konkret heißt das: Erfahrung mit der Synthese von dreidimensionalen Daten aus dem Untergrund unter Berücksichtigung von seismischen Information sowie von gesteinsphysikalischen und -chemischen Eigenschaften. Dazu kommen quantitative Erfassungsgabe und unabhängige Erfahrung im Gelände, sprich die Fähigkeit, geologische Karten und Profile zu erstellen und zu interpretieren. Die Beherrschung von Englisch als Wissenschaftssprache ist heutzutage eine conditio sine qua non. Es sind z.T. bewährte Studieninhalte, jedoch ergänzt durch eine wachsende Zahl von modernen analytischen Methoden. Und es sind die Fortschritte in der Methodik - vor allem in der Geochemie und der Geophysik - und der damit verbundene Mehraufwand in der Lehre, welche die größte Herausforderung für die universitären Curricula darstellt. In diesem Zusammenhang haben sich mehrere Industrievertreter in Aachen skeptisch über den beschränkten Umfang des neuen BSc-Abschlusses geäußert. Es überrascht deshalb nicht, dass in einigen europäischen Ländern, in denen die Bologna-Abschlüsse bereits flächendeckend eingeführt wurden (z.B. die Schweiz), tendenziell der MSc und nicht der BSc als berufsqualifizierend betrachtet wird. Selbst in Großbritannien, deren Hochschulabschlüsse als Muster für die Bologna-Reformen gedient haben, wird der BSc in der Regel durch den MSc ergänzt ehe man auf dem Arbeitsmarkt als berufsqualifiziert eingestellt wird. Seit einiger Zeit wird dort sogar gefordert, ein BSc nach nordamerikanischem Zeitmuster (4 Jahren) einzuführen. Gewiss, ein Gleichgewicht zwischen Breite und Disziplinarität im Studium könnte besser mit einem vierjährigen BSc-Programm realisiert werden. Wenn aber im Reformeifer die Curricula der universitären Geowissenschaften bedrängt werden, dann ist dies nicht nur der verkürzten Zeit bis zum ersten qualifizierenden Abschluss zuzuschreiben, sondern auch der fehlenden Abstimmung unter den Lehrenden über Studieninhalte. Noch von einigen Lehrstuhlinhabern wird der BSc-Abschluss nicht als Grundlage in den Geowissenschaften verstanden, sondern - wie das Vordiplom zuvor - als Vorbereitung für ein fachspezifisches Studium nach altem Muster. Deshalb besteht das BSc-Studium z.T. aus einem Flickwerk verschiedener Spezialvorlesungen; damit verfehlt es sowohl den Anspruch nach Breite wie auch das Ziel einer qualifizierten Spezialisierung. Ein Ausweg aus diesem Dilemma bietet die Wahrnehmung des vielleicht bedeutendsten Paradigmenwechsels in den Geowissenschaften seit der Entwicklung der plattentektonischen Theorie: nämlich der Wechsel vom Konzept der Erde als Sammlung weitgehend unabhängiger Sphären (z.B. Astheno- und Lithosphäre, Hydrosphäre, Biosphäre, Atmosphäre) hin zum Konzept der Erde als dynamisches System verschachtelter, gekoppelter Stoffkreisläufe und Prozesse, welche die o.g. Sphären miteinander verbinden. Das Verständnis eines derart komplexen Systems erfordert natürlich auch Expertise im Umgang mit spezialisierten Methoden, die je nach Schwerpunkt eine solide Grundlage in den physikalisch-chemischen oder biologisch-chemischen Naturwissenschaften fordert. Der Schlüssel zur Frage, wie man Breite mit Spezialisierung verbindet, liegt in der Bereitschaft jedes Spezialisten, neue Inhalte in bestehende Kurse zu integrieren. Genauso wie vor 30-40 Jahren die Kenntnisse der Plattentektonik in bestehende Vorlesungen der Strukturgeologie, Geophysik und Geochemie integriert wurden, muss auch heute in jeder Vorlesung Platz für neuen Stoff geschaffen werden. Umdenken und Prioritäten setzen lautet die Devise, dazu die Verschiebung von fachspezifischen Lehrinhalten ins MSc-Studium. Für Institute mit einer immer kleineren spezialisierten Personalausstattung bei einem gleichzeitig immer breiteren Angebot an Geowissenschaftlichen Fächern, dürfte dies einen schweren Spagat erfordern. Auch die eigentlich gut begründete Forderung vieler Hochschulleitungen, durch fachliche Fokussierung und Schwerpunktbildung im Wettbewerb um Forschungsmittel kompetitiver zu werden, steht diesem Ansatz nach Breite entgegen. An Standorten, wo die geographischen Voraussetzungen gegeben sind, bietet die engere Einbindung von außeruniversitären Forschungseinrichtungen, auch im Grundstudium, eine Lösung. Fazit: Weder eine Rückkehr zu alten Denkmustern und Studienplänen noch eine unkritische Akzeptanz der neuen verordneten Hochschulreformen versprechen Erfolg. Viel aussichtsreicher wäre die Entwicklung eines wissenschaftlich fundierten, inhaltlichen Konsenses, der über die Grenzen von Disziplinen hinaus geht und ein koordiniertes Handeln erlauben würde. Als Geowissenschaftler müssten wir es nur einsehen und wollen. Schließlich bieten die zahlreichen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit ausreichende Gründe dafür. Diese Herausforderung anzunehmen, hat bei der Geologischen Vereinigung eine lange Tradition, sei es mit dem breit gefächerten Spektrum der Artikel im International Journal of Earth Sciences, mit der Unterstützung von Blockkursen zu den jährlichen Geotagungen, oder mit der ständigen Bereitschaft, zusammen mit unseren Partnergesellschaften internationale Tagungen zu wissenschaftlich aktuellen Themen zu veranstalten. Mark R. Handy und Friedhelm von Blanckenburg, Stellvertretende Vorsitzende
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