| Brief des stellvertretenden Vorsitzenden aus GMit 36 |
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GMit Nr. 36, Juni 2009 Seite des GV Vorsitzenden Eine Sorge innerhalb der deutschen geowissenschaftlichen Fächer ist, dass die öffentliche Wahrnehmung der Disziplin derzeit nicht so ist, wie sie sein könnte und sein sollte, um den Bestand der Fächer als Studiengänge an den Universitäten langfristig zu gewährleisten und die politischen Entscheidungsträger von der kontinuierlichen Finanzierung von Forschungsvorhaben zu überzeugen. Heute möchte ich die Aufmerksamkeit auf einen eigentlich bekannten Aspekt der Wahrnehmungsdebatte lenken. Dieser wird vielleicht nicht so deutlich aufgenommenen. Unter welcher Bezeichnung stellt sich unser Fach eigentlich dar? Hier erlaube ich mir, eine Anleihe bei dem durchaus geistreichen Artikel „The Extinction of Geology“ des Mineralogen Peter Heaney der Pennsylvania State University zu machen1. Wobei mit „Extinction“ nicht die Auslöschung des Faches gemeint ist, sondern des Namens „Department of Geology“ als Institution. Heaney fragt, wieso es zum Beispiel die großen Naturwissenschaften Chemie und Physik problemlos bewerkstelligen, alle neuen Untervarianten ihrer Fächer immer wieder unter dem großen Schirm dieser Bezeichnungen zu vereinigen. Ein Privileg, dass uns Geowissenschaftlern nicht vergönnt ist. Heaney stellt fest, dass wissenschaftliche Fächer vor dem 19. Jahrhundert 600 Jahre lang auf „ik“ (aus griechisch „ikós“ für „sich beziehend auf“) endeten (z.B. Mathematik, Physik, Mechanik, Rhetorik), während gegen 1800 die damals entstehenden Fächer die Endung „og“ (aus griechisch „logos“ für den Sinn und den Gehalt von Rede und Wort) annahmen (z.B. Anthropologie, Meteorologie, Physiologie und eben auch Geologie und Mineralogie). Hiermit wurde der zunehmenden Spezialisierung und auch der Professionalisierung dieser Fächer Rechnung getragen. Interessanterweise erfuhr die „ik“ Endung mit dem Ende des 2. Weltkrieges mit den damals neu entstandenen Disziplinen eine Renaissance (Elektronik, Genomik, Robotik). Mit der damals neuen Plattentektonik waren auch die Geowissenschaften an dieser Entwicklung beteiligt. Wissenschaftshistoriker erklären die Renaissance des „ik“ mit dem bahnbrechenden und sehr öffentlichkeitswirksamen Erfolg der Physik in dieser Zeit, begründet durch weithin sichtbare Errungenschaften wie Radargeräte und Atomwaffen. Interessant wird nun die Frage, wie anfällig wir Geowissenschaftler, und unsere Institutionsnamen, eigentlich für solche terminologischen Modeerscheinungen sind. Und so zitiert Heaney eine Statistik, wonach in den ersten drei Vierteln des 20. Jahrhunderts fast alle nordamerikanischen akademischen Institutionen, deren Tätigkeit der Erforschung unseres Planeten gewidmet war, unter der Bezeichnung „Department of Geology“ firmierten. Um 1980 purzelte diese Bezeichnung plötzlich im großen Stil von den Briefköpfen. Von 270 (!) nordamerikanischen Universitäten, die Geowissenschaften in ihrem Curriculum führen, tragen nur noch 45% die Bezeichnung „Department of Geology“ (inkl. „Department of Geology and Geography“). Für die restlichen Departments ergibt sich kein einheitliches Bild: „Earth Sciences“, „Earth and Planetary Sciences“ oder „Earth and Space Sciences“ (19%); „Department of Geosciences” (14%); „Department of Environmental Sciences” (12%); „Department of Physical Sciences“ und andere (11%). Erklärt wird diese Entwicklung mit der Auffassung, dass der Begriff „Geologie” einfach zu eng ist, um solche Departments zu beschreiben, in denen Ozeanographen und Atmosphärenwissenschaftler mit Geologen unter einem Dach vereint sind. Wie stehen wir bezüglich unserer Selbstbezeichnung in Deutschland? Das Bild ist überaus komplex. Würde ein unbefangener ausländischer Gastwissenschaftler, ein Journalist, der eine nur ein kurze wissenschaftliche Frage hat, oder gar ein potenzieller Studienanfänger sich nur über das Internet ein Bild des Faches machen wollen, hätte er enorme Schwierigkeiten, überhaupt eine zuständige Institution ausfindig zu machen. Über dem Dach der Fakultäten (Geowissenschaften, Geowissenschaften und Geographie, Naturwissenschaften, Bauingenieur und Umweltwissenschaften) verbergen sich zum Teil Zentren (Zentrum für Geowissenschaften, Zentrum für angewandte Geowissenschaften) und darunter oder auch ohne Zwischenebene wiederum eine geradezu babylonische Vielfalt von Institutsnamen (Geologie, Geologie und Paläontologie, Mineralogie, Mineralogie und Kristallographie, Mineralogie, Petrologie und Lagerstättenkunde, Geophysik, angewandte Geophysik, Geochemie, Geowissenschaften, Umweltgeologie). Die begriffliche Selbstdarstellung der Geowissenschaften verliert zusätzlich an Schärfe, weil das Wort „Geo“ ohnehin für alle möglichen weiteren Dinge von z. T. gesellschaftlicher Relevanz belegt (Geoinformationssysteme, GPS, der „Geodatenmarkt“). Wir sind in Deutschland eben gute Spezialisten, und legen auch Wert darauf, dass dies so sichtbar bleibt. Vielfalt ist ja unbestritten auch eine Stärke. Aber dient diese terminologische Vielfalt der Wahrnehmung des Faches? Immerhin verlangt der wissenschaftspolitische Zeitgeist im Moment ja große Forschungs- und Lehreinheiten, Interdisziplinarität, Initiativen mit großer strategischer Tragweite. Auch leben wir in einer Zeit, in der, angetrieben letztendlich durch die Werbewirtschaft, Sichtbarkeit sich zuvorderst durch den Wiedererkennungswert eines Produktes erreichen lässt. Ich würde diese Frage gerne in den Raum stellen, aber offen lassen. Die Geologische Vereinigung arbeitet weiter in kleinen Schritten daran, die Gesellschaften aufeinander zuzubewegen. Gemeinsam mit der DMG wurde beschlossen, die Möglichkeit der studentischen Doppelmitgliedschaften auf alle Mitglieder auszudehnen, wenn dies denn finanzierbar ist. Vom 5. bis 7.Oktober wird in Göttingen die sicherlich stimulierende 99. GV Jahrestagung unter dem Titel „Earth Control on Planetary Life and Environment„ stattfinden. Die Organisatoren haben ein vielfältiges, zukunftsweisendes Programm zusammengestellt, und vorher finden einige interessante Workshops statt. Die GV hofft, Sie dort zahlreich anzutreffen. 1 Heaney, P.J. (2007), Triple Point: The extinction of Geology, Elements 3, 301-302. Friedhelm von Blanckenburg, Stellvertretender GV Vorsitzender, Sektionsleiter am GFZ Potsdam und FU Professor für die Geochemie von Erdoberflächenprozessen |
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