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Brief des stellvertretenden Vorsitzenden aus GMit 39 PDF Print E-mail

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Auch wenn einige von uns als Geowissenschaftlerin oder Geowissenschaftler immer noch ein induktives Selbstverständnis haben, nach dem Motto „zuerst beobachten, dann Ideen entwerfen“ - ganz leugnen kann man die Erkenntnis nicht, dass wir alle Kinder unsere Erfahrung sind. Wir bilden und benutzen Paradigmen, oft sogar unbewusst, um die Vielfalt der Natur in einem größeren Zusammenhang klarer zu sehen.

Paradigmen sind mehr als gewöhnliche Theorien; als überragende Theorien bzw. Leitbilder bilden sie ein gedankliches Gebäude unter dessen Dach thematisch verwandte Theorien geprüft werden, und in dessen Garten neue Hypothesen wachsen können. Somit prägen sie die Denkweise von einer oder mehreren Wissenschaftlergenerationen. Indem sie auch ihren Zeitgeist widerspiegeln, werden naturwissenschaftliche Paradigmen z.T. weit über ihre Grenzen in anderen gesellschaftlichen Bereichen angewendet. Dies geschieht immer mit der Gefahr, dass sie missverstanden und missbraucht werden können; man denke hier nur an „Social Darwinism“ inspiriert von Charles Darwin’s Thesen in seinem Hauptwerk The Origin of Species by Natural Selection, die oft mit dem plakativen Spruch „Survival of the Fittest“ zusammengefasst werden. Auch in den Geowissenschaften werden selbst gewöhnliche Theorien gelegentlich überstrapaziert, indem sie als Erklärung für Phänomene eingesetzt werden, die weitab von ihrem ursprünglichen Anwendungsbereich liegen. Den sprichwörtlichen „Bandwagon“ als Sinnbild für ein glänzendes, scheinbar unaufhaltsam nach Vorne rollendes Ideenvehikel auf dem jeder unkritisch aufspringen kann, kennen wir vermutlich alle.

Umso schwieriger tun wir uns, wenn mehrere Paradigmen gleichzeitig existieren, oder wenn ein Paradigma ein anderes ablöst. Geowissenschaftler sind damit bestens vertraut, weil sie in den letzten 60 Jahren mit mindestens zwei solchen Wechseln konfrontiert wurden: (1) die allmähliche Ablösung von Fixismus, d.h. dem Postulat von unbeweglichen Kontinenten, zuerst durch Mobilismus und Kontinentalverschiebung, dann durch Ozeanspreizung und Plattentektonik; (2) ein Wandel in der Wahrnehmung der Erde, von einer Kugel bestehend aus konzentrischen Sphären mit unterschiedlichen physikalischen Eigenschaften (z.B. Asthenosphäre, Lithosphäre, Hydrosphäre, Atmosphäre, etc.) zum heutigen Systemdenken, in dem die Erde als selbstregulierendes System von ineinandergreifenden, rückgekoppelten Prozessen verstanden wird - das Leben mit eingeschlossen. Beide Paradigmawechsel haben gemeinsam, dass sie schwere Geburten waren, und von den führenden wissenschaftlichen Persönlichkeiten ihrer Zeit anfänglich mit Skepsis aufgenommen, wenn nicht ganz abgelehnt wurden. Bewährt haben sie sich trotzdem, weil keine anderen Leitbilder die komplexe Wirklichkeit besser erklären konnten – bisher.

Ein Paradigmawechsel findet statt, wenn neue Erklärungen mit dem akzeptierten Leitbild nicht mehr oder nur schlecht vereinbar sind. Angekündigt werden solche Wechsel meistens schon vorher, z.B. durch neue Beobachtungen, die ihrerseits durch neue z.T. unkonventionelle Ansätze aufgedeckt werden; dann liegt Veränderung förmlich in der Luft. Oft entstehen diese neuen Ansätze zwischen den klassischen Disziplinen, gelegentlich spielt sogar Zufall bei der Entdeckung von neuen Phänomenen eine Rolle.

Fuss fassen können neue Paradigmen jedoch erst, wenn eine kritische Mehrheit von offenen, meist einflussreichen Wissenschaftlern von der Notwendigkeit eines Wechsels überzeugt ist, und sich aufmachen, das alte Paradigma durch ein neues zu ersetzen. Die Akzeptanz des neuen Gedankenguts ist nicht immer ein rationaler Prozess; mit Blick auf die Debatte vor 40 Jahren über Plattentektonik, greift Anthony Hallam in seinem lesenswerten Buch Great Geological Controversies vorübergehend auf das pessimistische Urteil in Max Plancks Selbstbiografie zurück: „Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, dass ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, dass die Gegner allmählich aussterben und dass die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.” Wissenschaftsphilosophen und Logiker wie Karl Popper oder Thomas Kuhn mögen in solchen Fällen das Nachsehen haben, auch wenn Plancks Ansicht allgemein nicht geteilt wird.

Wie auch immer sich Ideen wandeln, Wissenschaft braucht ein Forum - als Austragungsort für Kontroversen, als Bühne für die Vorstellung neuer Beobachtungen und Modelle, und als Wiese für den Kau und Wiederkau von Ideen. Auch alte Ideen können wieder aufgegriffen werden, um im Licht von neuen Erkenntnissen eine andere Bedeutung als die bisherige zu gewinnen. So lebt jede Wissenschaft, auch unsere.

Die Geologische Vereinigung hat immer ein offenes Forum geboten, wie in 2002 das Goldene Band des International Journal of Earth Sciences mit einschlägigen Veröffentlichungen seit ihrer Erstausgabe in 1910 belegt. Diese Beiträge haben bleibenden wissenschaftlichen Wert weil sie gewagte, anfechtbare Ideen vorgestellt haben. Auch die bevorstehenden Festlichkeiten am Senkenberg in Frankfurt a. M. zur 100-jährigen Gründung der GV (10. Oktober) stehen ganz im Zeichen dieser Tradition: Kurze geladene Vorträge werden ein neues Licht auf aktuelle und künftige Brennpunkte in den  Geowissenschaften werfen. Und die darauffolgende von der GV und DGG gemeinsam organisierte Jahrestagung in Darmstadt (11.-13. Oktober) zeigt, dass die GV ihre Zukunft mit der ihrer Schwestervereinigungen verknüpft. Wer weiß, vielleicht wird an dieser Tagung ein neues Paradigma geboren. Wenn Sie hingehen, werden Sie dann sagen können: ich war dabei!

Mark R. Handy

Stellvertretender Vorsitzende

 
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