| Brief des stellvertretenden Vorsitzenden aus GMit 41 |
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Vertragen Sie Deutschlich? Unsere westrheinischen Nachbarn zählen das wunderbare Wort „Franglais“ zu ihrem Sprachschatz. Das Phänomen, die sprichwörtliche Einbürgerung partieller Anglizismen und deren Vermählung mit Begriffen aus der Nationalsprache, ist auch bei uns zwar eine nicht schöne, aber dafür hilfreiche Praxis. Warum ist dies so? Hier möchte ich keinesfalls den vieldiskutierten Nutzen von Anglizismen kritisieren, und mitnichten die emotionalisierte Debatte um die Amtssprache unserer Jahrestagungen wiederbeleben. Es geht um die Länge. Die unserer Texte um genau zu sein. Alle wissen es. Deutsche Fachbegriffe sind einfach voluminöser als ihre englischen Äquivalente bei gleicher Bedeutung. Die Liste der Beispiele ist lang, und eindrucksvoll, und allen bekannt. Und da schlägt uns das Englische um mindestens ein Viertel. Aus „debris“ wird „Schuttbedeckung“; aus „fault“ wird „Störung“, aus „mean“ wird „Mittelwert“. Hat nicht jeder von uns schon die frustrierende Erfahrung gemacht, in einem DFG Antragstext den (oder das?) „Abstract“ von 15 Zeilen mit derselben Länge in eine deutsche „Zusammenfassung“ zu übersetzen? Es geht nicht! Es werden immer mehr als 20 Zeilen daraus. Ein Beispiel, es handelt sich um den ersten Satz der wunderbaren neuen DFG Strategieschrift: „Geowissenschaftler untersuchen die gekoppelten Prozesse zwischen den einzelnen Teilen des Erdsystems in verschiedenen räumlichen und zeitlichen Dimensionen, von Bruchteilen eines Nanometers bis zu Tausenden von Kilometern.“ 26 Wörter, 197 Buchstaben, 66 Silben. Und nun auf Englisch: “Geoscientists investigate coupled processes between subsystems of the Earth in various spatial and temporal scales, from fractions of a nanometer to thousands of kilometers”. 24 Wörter, 150 Buchstaben, 49 Silben. Englisch siegt. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes um Längen. Doch siegt Englisch wirklich? Bietet die Vielfalt der Ausdrucksformen unserer Sprache nicht eigentlich viel präzisere Formulierungsmöglichkeiten? Zum Beispiel ist eine „Normal Fault“ eine „Abschiebung“. Eine „thrust fault“ wird eine „Aufschiebung“. Auf Deutsch sehe ich die Bewegungsrichtungen geradezu bildlich vor mir. Auf Englisch benötige ich ein Lexikon. Ist das „Periodensystem“ nicht eine viel bildhaftere Beschreibung der Anordnung unserer Elemente als die schnöde „periodic table“? Und: eine geologische Struktur ist „aufgeschlossen“. Wie ein unerwartet geöffneter Palast eröffnet sie uns ihr Innerstes. Zum Vergleich „exposed“ – wie unspezifisch! Und hat nicht Deutsch als Lingua Franca der Naturwissenschaften bis zu den frühen Jahren des vergangenen Jahrhunderts unseren geowissenschaftlichen Sprachschatz nachhaltig bereichert? Wo ein „Horst“ ist, kann kein „Graben“ sein. Der gute alte „Feldspat“ ist uns mit „feldspar“ ziemlich treu geblieben. Aus „Quarz“ wurde lediglich „quartz“, wahrscheinlich, um die Härte der Aussprache und des Minerals selber zum Ausdruck zu bringen, und die Trias war seit ihrer Erfindung 1834 zunächst einmal „germanisch“. Mein aktueller Lieblingsbegriff ist der „knickpoint“. Denn für diese scheinbar deutsche Beschreibung einer Steilstufe eines Flussbettes finde ich einfach keine deutsche Übersetzung! Selbst die deutsche geomorphologische Fachliteratur benutzt häufig den wieder heimgekehrten deutschen Anglizismus. Irgendwie scheint uns bei der Internationalisierung der Geowissenschaften mit dem Prozess auch der Begriff abhanden gekommen zu sein. Und damit sind wir bei des Pudels Kern. Nach Ansicht des Deutschen Kulturrates habe die Wissenschaftssprache Deutsch in den Naturwissenschaften so gut wie keine Bedeutung mehr. Bleibt uns also etwas anderes übrig, als unsere moderne Wissenschaft den im angelsächsischen Sprachraum (dessen Ausdehnung in die Naturwissenschaften Deutschland ja miteinschließt) üblichen Begrifflichkeiten unterzuordnen, wo doch kein deutsches Äquivalent bereitsteht? So müssen wir uns also wohl mit „Erd-Monitoring“, ozeanischen „feast-to-famine“ Szenarien, und, auch einer meiner Lieblinge, „slab breakoff“ abgeben müssen. Anpassung unserer Institutionen inklusive: „Future Ocean“, „Munich GeoCenter“, ganz neu: „CologneAMS“. Wir können uns in dieser Sache der modernen Zeit nicht verschliessen. Aber wir sollten für unsere Studierenden und Nachwuchswissenschaftler die deutschen Begriffe immer wieder benutzen, wenn es sie denn gibt. Und vielleicht den Mut haben, die eine oder andere aus dem deutschen Sprachraum hervorgegangene wissenschaftliche Entdeckung auch mit einem deutschen Begriff zu belegen. Nun aber noch die offiziellen Mitteilungen. Die Geologische Vereinigung hofft, Sie alle auf der gemeinsam mit der DGG ausgerichteten Jahrestagung vom 10.-13. Oktober in Frankfurt und Darmstadt zu begrüßen. Das Thema lautet „Geowissenschaften sichern Zukunft“. Dieser Titel lässt sich trefflich in das Englische übersetzen. Beim Tagungsort ist das schon schwieriger. Und das ist auch ganz sympathisch. Friedhelm von Blanckenburg, Stellvertretender Vorsitzender der Geologischen Vereinigung
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